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Monatsspruch

„Alles ist erlaubt -
aber nicht alles nützt.
Alles ist erlaubt -
aber nicht alles baut auf.
Denkt dabei nicht an euch selbst,
sondern an die
anderen.

Der Apostel Paulus im 1. Brief an die Korinther Kap.10,23-24
Ja, lieber Paulus, den letzten Satz verstehe ich gut, aber die beiden davor? Wie meinst du das denn?

Nun, in Deiner Zeit heißt das z.B.:

Mehrmals kam dir einer beim Autofahren dumm, zwang dich zu bremsen. Du bist auf achtzig. Aber halt  noch einen Augenblick an dich. Vielleicht siehst du einen, der dir die Lücke lässt. Du atmest auf: also sind doch nicht alles Idioten und du nicht der letzte gute Mensch. Oder:
Die Stimmung wird schlechter. Ein Wort gibt das andere, der Ton wird schärfer. Du fühlst, der ganze Ärger könnte hochkochen, nur noch ein falsches Wort. Doch halt noch einen Augenblick an dich. Sag deinem Nächsten irgendwas Gutes. Hol etwas aus dem Kühlschrank, oder trinkt was zusammen - die „Geschichte der verhinderten Kriege dank geteilten Kaffees" ist noch nicht geschrieben. Oder:
Der große Knall ist nah. Einer hat den geänderten Termin nicht weitergesagt. Dabei ist die Runde schon chaotisch. Du als Chef, spür die Lage: Halt einen Augenblick an dich, erzähl eine Anekdote zu deinen Lasten. Spendier eine Runde, gib zehn Minuten Pause. Fenster auf, anderes Thema. Oder:
Du bist enttäuscht, du hattest dir den Abend so gemütlich vorgestellt. Und dann kommt er (sie) 1. zu spät; 2. wortkarg; 3. schlapp; 4. sieht nicht den schön gedeckten Tisch, will erst mal vor dem Fernseher dösen. Mit deinen schönen Phantasien könntest du schreiend das Haus verlassen. Doch halt, gib ihm (ihr) noch eine Chance, gib ein Zeichen, dass du dich auf gleich freust. Sag ihm (ihr), dass es ein schwerer Tag war.

Es ist ja so leicht, Streit anzufangen, eine Lehre zu erteilen, klare Grenzen zu ziehen. Eine Menge Sprengstoff ist in den Verhältnissen. Es genügt das verschiedenes Tempo, ein Missverständnis, eine Ironie, die nicht gut ankommt, irgendeine auffällige Nachlässigkeit, eine falsche Wortwahl, ein falscher Zungenschlag - und schon, wenn die Nerven sowieso blank liegen, knallt es. Ein Abgrund von Unverständnis tut sich auf, ein Berg von Unverträglichkeit türmt sich auf mitten im Raum. -
Halte noch einen Augenblick an dich, kehr es zum Besten. Nicht, dass du immer nachgeben müsstest. Aber, achte auf die Gunst der Stunde. Du weißt, wann du vom andern (fast) alles kriegen kannst. Hilf ihm doch, gut zu sein. Erwisch ihn auf dem richtigen Fuß.
Kennst du einen Restlichtverstärker, eine Art Fernrohr, welches das Licht der Dämmerung vervielfacht? Ich wünsche dir heute ein Herz, das ähnlich einem Restlichtverstärker das aufwertet, was an Gutem beim Nächsten doch auch zu finden ist. -

Danke, Paulus, für dein Wort.



Michael Rohde

 
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